MATERIALKUNDE · BEREICH 02 · TRITTSICHER & RUTSCHHEMMEND
Trittsicher. Rutschhemmend.
Ein rauer Boden ist nicht automatisch sicher – und ein glatter Eindruck nicht automatisch gefährlich. Entscheidend ist das vollständige Bodensystem aus geprüfter Oberfläche, Verschmutzung, Reinigung, Schuhwerk und Nutzung.
TRITTSICHERsicher begehbar, tragfähig und ohne gefährliche Stolperstellen
RUTSCHHEMMENDWiderstand gegen Ausgleiten unter festgelegten Bedingungen
PRÜFGRUPPENR9–R13 · V4–V10 · Barfuß A–C
PRAXISBEISPIEL · KI-GENERIERT
Die Oberfläche ist nur ein Teil des Systems
Strukturierte Beläge können Rutschhemmung unterstützen. Bündige Übergänge, Sauberkeit, Feuchte, Schuhwerk und der passende Produktnachweis entscheiden mit.
01
Trittsicher und rutschhemmend sind nicht ganz dasselbe
Beide Begriffe gehören zur sicheren Nutzung eines Fußbodens. Rutschhemmung beschreibt vor allem den Widerstand gegen Ausgleiten; Trittsicherheit betrachtet zusätzlich den sicheren Auftritt und die gefahrlose Begehbarkeit.
TRITTSICHER
Sicher auftreten und gehen
Ein trittsicherer Boden ist tragfähig, eben genug, gegen Verrutschen gesichert und frei von gefährlichen Löchern, Kanten, Schrägen oder Stolperstellen. Auch Übergänge, Fugen und lose Matten gehören dazu.
RUTSCHHEMMEND
Ausgleiten erschweren
Rutschhemmung ist die Eigenschaft einer Oberfläche, dem Gleiten zwischen Boden und Schuh beziehungsweise Fuß entgegenzuwirken. Sie wird unter festgelegten Prüfbedingungen bewertet.
02
Rutschhemmung entsteht im Bodensystem
Der Neuwert des Belags ist wichtig, reicht im Alltag aber nicht. Die DGUV betrachtet den Betriebszustand als Zusammenspiel mehrerer Faktoren.
01
Bodenoberfläche
Material, Struktur, Profil, Fugen, Beschichtung und Verschleiß bestimmen den möglichen Kontakt zum Schuh.
02
Gleitfördernde Stoffe
Wasser, Fett, Öl, Staub, Sand, Krümel, Wachs und Reinigungsreste können den Kontakt zwischen Boden und Schuh verringern.
03
Reinigung und Pflege
Verfahren, Dosierung, Werkzeug, Rückstandsaufnahme und Trocknung können die Rutschhemmung erhalten oder verschlechtern.
04
Schuhwerk
Sohlenmaterial, Profil, Verschmutzung und Abnutzung müssen zur tatsächlichen Fläche und Nutzung passen.
05
Nutzung und Umgebung
Laufbewegung, Gefälle, Beleuchtung, Nässeeintrag, Temperatur, Zeitdruck und Verkehrsaufkommen verändern die reale Gefahr.
03
Welche Belagsarten können besonders rutschhemmend sein?
Nicht der Werkstoffname entscheidet allein. Geeignete Produktvarianten können durch Profil, Körnung, Partikel, Bearbeitung oder offene Strukturen eine hohe Rutschhemmung erreichen.
Matte, profilierte oder reliefierte Oberflächen können hohe Rutschhemmung erreichen. Glasur, Politur, Fugenanteil und konkrete Prüfung bleiben entscheidend.
02
Sicherheits-PVC und elastische Spezialbeläge
PVC · PU · Polyolefin mit Partikeln oder Profil
Eingebettete Partikel, profilierte Nutzschichten oder besondere Rezepturen können für rutschgefährdete Bereiche ausgelegt sein.
03
Profilierter Kautschuk
Rundnoppen · Relief · Sicherheitsstruktur
Elastomer- beziehungsweise Kautschukbeläge können durch Rezeptur und Oberflächenform griffig ausgeführt werden.
04
Mineralische und harzgebundene Systeme
Beton · Estrich · Kunststein · Reaktionsharz
Besenstrich, Körnung, Einstreuung oder strukturierte Deckschichten können nutzungsgerechte Rutschhemmung erzeugen.
05
Raue Natursteinoberflächen
geflammt · gestockt · sandgestrahlt · spaltrau
Bearbeitete oder natürliche Rauigkeit kann die Griffigkeit erhöhen. Gesteinsart und Bearbeitung allein ersetzen jedoch keinen Nachweis.
06
Roste und Profilsysteme
Metallrost · Kunststoffrost · Ablaufprofil
Offene, profilierte Systeme können Flüssigkeiten oder Schmutz aus der Gehebene ableiten und in Spezialbereichen geeignet sein.
OBERFLÄCHENSTRUKTUREN
Sechs typische Bauformen
Die Begriffe beschreiben das Aussehen oder die Geometrie. Aus „rau“, „genoppt“ oder „profiliert“ lässt sich allein noch keine R- oder V-Gruppe ableiten.
01
Feinrau
Eine gleichmäßig fein aufgeraute Oberfläche kann Griffigkeit erhöhen, besitzt aber nur mit dem konkreten Produktnachweis eine Bewertungsgruppe.
02
Grobrau oder körnig
Gröbere Körnung schafft ausgeprägte Kontaktpunkte, kann jedoch Reinigung, Wagenverkehr und Barrierefreiheit erschweren.
03
Reliefiert
Unregelmäßige Vertiefungen und Erhebungen strukturieren die Gehebene. Zugesetzte Vertiefungen vermindern die praktische Wirkung.
04
Genoppt
Noppen bilden wiederkehrende Kontakt- und Zwischenräume. Höhe, Form, Abstand und konkrete Prüfung sind entscheidend.
05
Gerippt oder gerichtet profiliert
Rippen können Flüssigkeit ableiten und in einer Richtung unterstützen; quer dazu kann sich das Verhalten unterscheiden.
06
Offener Verdrängungsraum
Tiefe, zur Oberfläche offene Räume nehmen größere Mengen gleitfördernder Stoffe unterhalb der Gehebene auf und werden zusätzlich mit einer V-Gruppe beschrieben.
04
R9 bis R13 für beschuhte Arbeitsbereiche
R-Gruppen sind Bewertungsgruppen aus einer standardisierten Produktprüfung für Bereiche, die mit Schuhen begangen werden. R9 ist die geringste, R13 die höchste Gruppe.
R9geringste Bewertungsgruppe
Trockene Innenbereiche mit geringer Rutschgefahr – nur wenn die Gefährdungsbeurteilung dazu passt.
R10erhöhte Anforderung
Beim standardisierten Rampentest liegt der Akzeptanzwinkel über 10° bis einschließlich 19°. Das ist ein Laborwert der Produktprüfung – kein zulässiges Bodengefälle und keine Sicherheitsgarantie für den Betrieb.
R11deutlich erhöhte Anforderung
Häufig in Bereichen mit stärkerem Nässe- oder Schmutzeintrag, beispielsweise Außen- oder Arbeitsbereichen.
R12hohe Anforderung
Für Bereiche mit großer Rutschgefahr durch erhebliche Mengen gleitfördernder Stoffe.
R13höchste Bewertungsgruppe
Für besonders hohe betriebliche Rutschgefahr; nicht automatisch die beste Wahl für jeden normalen Raum.
BAUMUSTERPRÜFUNG
Geprüft wird die konkrete Ausführung.
Baumusterprüfung (standardisierte Prüfung eines repräsentativen Produkts) bedeutet nicht, dass jeder ähnlich aussehende Belag dieselbe Gruppe besitzt.
NICHT HÖHER = IMMER BESSER
Die Gruppe muss zur Nutzung passen.
Sehr raue Oberflächen können Reinigung, Wagenverkehr und barrierefreie Nutzung erschweren. Gefordert ist die nutzungsgerechte, nicht die möglichst höchste Gruppe.
05
V4 bis V10: Raum unter der Gehebene
Wo größere Mengen Fett, Öl, Flüssigkeit oder grobe Stoffe anfallen, kann zusätzlich ein Verdrängungsraum gefordert sein. Er nimmt gleitfördernde Stoffe unterhalb der Gehebene auf.
Verdrängungsraum (zur Oberfläche offener Hohlraum unterhalb der Gehebene) wird mit V4, V6, V8 oder V10 angegeben. Die Zahl beschreibt das Mindestvolumen. Eine V-Gruppe wird nur zusammen mit der passenden Anforderung und dem konkreten Produktnachweis verwendet.
06
A bis C für nassbelastete Barfußbereiche
Duschen, Beckenumgänge und ins Wasser führende Treppen werden nicht einfach nach der R-Skala beurteilt. Für regelmäßig nasse Barfußbereiche gelten eigene Bewertungsgruppen.
Ageringste Barfußgruppe
Weitgehend trockene Barfußgänge, Umkleiden sowie bestimmte trockene Ruhebereiche.
Berhöhte Barfußgruppe
Duschen, Beckenumgänge, Dampfbäder und weitere regelmäßig nasse Barfußbereiche.
Chöchste Barfußgruppe
Ins Wasser führende Treppen, steilere Rampen und weitere Bereiche mit besonders hoher Barfuß-Rutschgefahr.
07
Belag in sechs Schritten auswählen
Die Gefährdungsbeurteilung (systematische Bewertung der möglichen Gefahren) verbindet Nutzung, Verschmutzung, Personen und Regelwerk mit einem nachgewiesenen Produkt.
01
Nutzung bestimmen
Arbeitsraum, Eingang, Küche, Dusche, Produktion, Werkstatt oder Verkehrsweg eindeutig zuordnen.
02
Gefährdung erfassen
Art, Menge und Häufigkeit von Wasser, Fett, Öl, Staub, Granulat oder anderen gleitfördernden Stoffen beurteilen.
03
Personen berücksichtigen
Schuhwerk, Barfußnutzung, Mobilität, Laufwege, Wagenverkehr und notwendige Barrierefreiheit einbeziehen.
04
Anforderung festlegen
Passende R-, V- oder Barfußgruppe aus dem geltenden Regelwerk und der Gefährdungsbeurteilung ableiten.
05
Produktnachweis prüfen
Prüfzeugnis, genaue Produktvariante, Oberflächenstruktur, Verlegeart und Herstellerangaben abgleichen.
06
Betrieb mitplanen
Reinigung, Trocknung, Entwässerung, Kontrolle, Reparatur und spätere Nutzungsänderungen bereits vor Auswahl festlegen.
VORHANDENER BODEN
Rutschgefahr zuerst an der Ursache verringern.
Bei einer benutzten Fläche beginnt die Verbesserung nicht automatisch mit einer neuen Beschichtung. Zuerst wird geklärt, ob Schmutz, Nässe, Pflegefilm, Verschleiß, Schäden oder eine geänderte Nutzung die Gefahr verursachen.
01
Reinigungszustand herstellen
Fett, Pflegefilm, Reinigerreste und zugesetzte Profilräume vollständig entfernen. Danach prüfen, ob die vorgesehene Rutschhemmung wieder erreicht wird.
02
Eintrag an der Quelle stoppen
Überdachungen, Absaugungen, Spritzschutz, dichte Anlagen sowie geeignete Abläufe und Gefälle verhindern, dass Wasser, Öl oder Produktionsreste überhaupt auf den Gehweg gelangen.
03
Sauberlaufzone ergänzen
Ausreichend lange Matten- oder Rostsysteme nehmen Nässe, Sand und Steinchen vor der eigentlichen Bodenfläche auf. Volle Matten werden gereinigt – sonst sind sie nur Schmutzparkplätze mit Dach.
04
Oberfläche fachgerecht nachrüsten
Je nach Belag können eine freigegebene rutschhemmende Beschichtung, eine geeignete Einstreuung oder eine fachgerechte mechanische Bearbeitung möglich sein. Probefläche, Herstellerfreigabe und Wirksamkeitskontrolle sind Pflicht.
05
Schäden und Übergänge sanieren
Lose Kanten, Höhenversätze, Ausbrüche, verschlissene Beschichtungen und defekte Fugen beseitigen. Reicht eine Sanierung nicht aus, wird der ungeeignete Belag ersetzt.
06
Betrieb passend organisieren
Geeignetes Schuhwerk, schnelle Störungsbeseitigung, Sperrungen und Warnhinweise ergänzen die technischen Maßnahmen. Ein Schild allein macht einen glatten Boden allerdings nicht griffig.
08
Reinigung erhält oder zerstört Rutschhemmung
Ein rutschhemmend verlegter Boden kann durch falsche Chemie, Rückstände oder mangelhafte Mechanik gefährlich glatt werden. Reinigung ist deshalb Teil der Sicherheitsfunktion.
01
Passende Mechanik
Bürste, Walze, Pad oder Hochdruck nur so wählen, dass Vertiefungen gereinigt und Profilkanten nicht beschädigt werden.
02
Richtig dosieren
Überdosierte Reiniger und Pflegemittel können einen gleitfördernden Rückstand aufbauen.
03
Schmutzflotte aufnehmen
Gelösten Schmutz im Reinigungswasser vollständig absaugen oder mit sauberem Bezug aufnehmen.
04
Klar nacharbeiten
Wenn das Verfahren es verlangt, Reiniger- und Pflegereste mit klarem Wasser entfernen.
05
Trocken freigeben
Nasse Bereiche absperren und erst nach sicherer Trocknung beziehungsweise betrieblicher Freigabe wieder öffnen.
06
Veränderung melden
Neue Glätte, zugesetzte Profile, Abrieb, lose Kanten oder veränderte Nutzung dokumentieren und neu beurteilen.
GUT
Profil und Vertiefungen wirklich reinigen
Produkt korrekt dosieren
Schmutzflotte vollständig aufnehmen
saubere Werkzeuge und passende Schuhe
Ergebnis trocken und im Betrieb prüfen
GLATTE IDEEN
Pflegefilm ohne Freigabe aufbringen
Reiniger antrocknen lassen
Fett mit einem vollen Pad verteilen
Profilräume langsam zusetzen lassen
Warnschild als Dauerlösung betrachten
09
Produktnachweis und Betriebsmessung trennen
Die Auswahl eines neuen Belags und die Prüfung einer benutzten Fläche beantworten unterschiedliche Fragen. Messwerte dürfen deshalb nicht beliebig in R-Gruppen umgerechnet werden.
NEUER BELAG
Welche Ausführung wird eingebaut?
Produktprüfung und Prüfzeugnis belegen die Bewertungsgruppe der konkreten Oberfläche unter standardisierten Bedingungen.
Produktname und Variante
Oberflächenstruktur
R-, V- oder Barfußgruppe
Prüfverfahren und Nachweis
Verlege- und Pflegevorgaben
BETRIEBSZUSTAND
Wie sicher ist die Fläche jetzt?
Eine Betriebsmessung (Messung der benutzten Fläche unter realistischen Bedingungen) berücksichtigt aktuellen Zustand, gleitfördernde Stoffe und Schuhwerk.
Verschmutzung und Feuchtigkeit
Abnutzung und Beschichtung
Reinigung und Pflege
Schuhwerk und Nutzung
Vergleichs- und Kontrollmessung
MESSPRINZIP VOR ORT
Ein Gleiter bewegt sich über den Boden.
Das Messgerät zieht standardisierte Gleiter über eine festgelegte Strecke. Erfasst wird, wie viel Kraft nötig ist, um die Bewegung gleichmäßig fortzusetzen.
01
Zustand festlegen
Messfläche, Feuchtigkeit, betriebliche Stoffe und passendes Schuh- beziehungsweise Gleitermaterial werden dokumentiert.
02
Gleiter führen
Die Kufen des Geräts gleiten mit möglichst gleichmäßiger Geschwindigkeit über den ebenen Boden.
03
Kräfte vergleichen
Der Gleitreibungskoeffizient µ (dimensionslose Kennzahl aus horizontaler Reibungskraft und vertikaler Kraft) beschreibt den gemessenen Widerstand gegen Gleiten.
04
Mehrfach messen
Mehrere Messungen und Richtungen vermindern Zufallseinflüsse. Auffällige Einzelwerte werden nicht als fertiges Urteil verkauft.
05
Maßnahme kontrollieren
Vergleichsmessungen zeigen, ob beispielsweise eine verbesserte Reinigung oder fachgerechte Oberflächenbehandlung tatsächlich wirkt.
REGELWERK
Vom Schutzziel bis zum Messverfahren.
Verordnung, Technische Regel, DGUV-Information und Norm haben unterschiedliche Aufgaben. Sie werden gemeinsam gelesen – nicht gegeneinander ausgespielt.
Arbeitsstättenverordnung · Anhang 1.5
Sie stellt die rechtliche Grundanforderung: Fußböden müssen unter anderem tragfähig, trittsicher und rutschhemmend sein und dürfen keine gefährlichen Unebenheiten besitzen.
ASR A1.5 · Fußböden
Die Technische Regel für Arbeitsstätten konkretisiert die Anforderungen für Planung und Betrieb. Gefährdungsbeurteilung, Nutzung, gleitfördernde Stoffe, Reinigung und Übergänge werden zusammen betrachtet.
DGUV Information 208-041
Sie beschreibt die Bewertung der Rutschgefahr unter betrieblichen Bedingungen und die Messung des vorhandenen Bodensystems.
DGUV Information 207-006
Sie ergänzt die Anforderungen für regelmäßig nasse Barfußbereiche, beispielsweise Duschen, Beckenumgänge und ins Wasser führende Treppen.
DIN EN 16165 und DIN 51131
Die Normen beschreiben Prüfverfahren. DIN EN 16165 betrifft unter anderem die Produktbewertung; DIN 51131 die Messung des Gleitreibungskoeffizienten auf ebenen Flächen.
10
Das solltest du dir merken
Mehrere Belagsarten können rutschhemmend ausgeführt werden. Für die Beurteilung zählen immer das konkrete Produkt, sein Einsatzbereich und sein Zustand.
MERKEN!
Bei entsprechend geprüfter Ausführung können unter anderem diese Bodenbeläge eine hohe Rutschhemmung bieten:
strukturierte oder reliefierte keramische Fliesen, beispielsweise geeignet geprüftes Feinsteinzeug, Klinker oder Spaltplatten
Sicherheits-PVC und andere elastische Spezialbeläge mit Partikeln oder Profil